Mutter*tag

 

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…zum „Muttertag“!
Am Sonntag den 10. Mai 2015 verteilten wir in der Stadt diese Grußkarten zum sogenannten Muttertag.

„Alles Liebe zum Muttertag!“ / „Danke, Mutti!“/…

Einmal im Jahr ist es so weit: die Kinder haben Frühstück gemacht, Bilder gemalt und vom Mann* gibt’s Blumen – der Lohn für 364 Tage Arbeit. Ein erstaunliches Ritual, dass ausschließlich einmal im Jahr Frauen* für die Hausarbeit und Kindererziehung geehrt werden. Aber ist das Wecken der Kinder, die Frühstückzubereitung, das Einkaufen, das Wäschewaschen, das Kochen und so weiter – häufig neben der beruflichen Tätigkeit – denn keine Arbeit, nur weil sie unbezahlt ist? Dass den Frauen* am Muttertag Ehre und Anerkennung aufgrund der Haus-und Kinderarbeit entgegengebracht wird, ist Ausdruck dafür, dass diese unbezahlten Tätigkeiten als „natürliche“ Aufgaben von Frauen* gesehen werden – als hätte die Frau* im Gegensatz zum Mann* eine besondere Begabung für das Putzen oder die Kindererziehung. Es herrscht die traditionelle und eigentlich längst überholt geglaubte Überzeugung, der „natürliche Ort“ der Frau* sei im Haus/am Herd/im Privaten….
Der Muttertag trägt wesentlich dazu bei Hausarbeit, Fürsorgearbeit, Kindererziehung usw. als genuin weibliche Arbeiten zu reproduzieren.  Doch nicht einmal der Muttertag ist ein Tag im Jahr, an dem die Mutter ‚mal ohne Rücksicht auf  Mann* und Kinder – außerhalb des Hauses – einen drauf machen kann. Vielmehr wird dieser Tag von den Kindern und bestenfalls von den (Ehe-) Männern* organisiert und in einem familiär-häuslichen Rahmen verbracht. (Wie sieht das denn eigentlich am Vatertag aus? Bleibt da auch die gesamte Familie beisammen? Oder machen da nicht eher die „Männer unter sich einen drauf?)  Mit der Organisation des Tages wird nicht nur die Rolle der Frau* festgelegt, sondern auch den Kindern vor Augen geführt, dass es die Mama ist, die für sie zuständig ist. Tochter und Sohn wird somit schon jetzt ein Bild vermittelt, wie ihre spätere Rollenverteilung auszusehen hat…

Doch welche Auswirkungen haben diese Betonungen des Mutterseins für die Vorstellung von Frau*sein? Was machen Frauen*, die keine Kinder haben am Muttertag und wie werden sie überhaupt in der Gesellschaft wahrgenommen?  Genau aufgrund der Annahme, es sei die „natürliche Aufgabe“ oder „Bestimmung“ der Frauen*, Kinder zu bekommen und aufzuziehen, sehen sich Frauen* ohne Kinder regelmäßig damit konfrontiert, sich für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen zu müssen – eine Situation, in der sich Männer* selten befinden. Um eine „richtige“ Frau* zu sein, scheint es notwendig, die eigene Gebärfähigkeit öffentlich unter Beweis zu stellen.
Doch nicht nur für Frauen* ohne Kinder ist es schwer, den „Mutter“tag zu feiern, sondern auch für Familien, die nicht dem traditionellen Mutter-Vater-Kind(er)-Modell entsprechen. Kinder großziehen können alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht –  auch eine heterosexuelle Beziehung ist dafür nicht notwendig. Warum nicht einfach gemeinsam einen Elterntag verbringen? Warum dann nicht auch die Arbeit und Rollen an den restlichen 364 Tagen anders teilen?

 Nationalsozialismus: Mutter-Sein für die Nation

Wussten Sie schon, dass…
… der Muttertag als Nationalfeiertag im Jahre 1933 von den Nationalsozialist*innen unter Adolf Hitler eingeführt wurde?  Die Einführung des Muttertages kann als Ausdruck einer staatlichen Manifestation des nationalsozialistischen „Mutterkultes“ verstanden werden, der Frauen* als Trägerinnen von „Blut und Rasse“ überhöhte und aufgrund ihrer Gebärfähigkeit für die nationalsozialistische Rassen- bzw. Bevölkerungspolitik funktionalisierte. Die alleinige „Bestimmung“ der Frau* war es, möglichst viele, „arische“ Nachkommen zu gebären, zu pflegen und aufzuziehen. Die Geburtenrate und das „arisch-reine“ Gebären unterlag deshalb strenger nationalstaatlicher Kontrolle: Deutsche Frauen* mussten, um Kinder bekommen zu können, eine lange, rein-arische Familienlinie nachweisen können. Das bedeutet, dass das Privatleben der Frauen* als eine Angelegenheit des Staates angesehen und der weibliche Körper zum Reproduktionsorgan degradiert wurde, welcher ausschließlich seinen „biologischen Dienst“ für das Wohl des „Volkskörpers“ tun sollte. „Trunkenheit“ und „Hurerei“ galten für eine Frau* als widernatürlich. Ein Verstoß der Frauen* gegen dieses Gebot konnte bis zum Tode sanktioniert werden. Den besonders gebärfähigen deutschen Frauen* dagegen, die als „Gebärmaschinen“ für die Nation mindestens 4-8 Kinder bekamen, wurden – je nach Kindesanzahl – unterschiedlich gewertete sog. Mutterkreuze verliehen. Die Prozedur der Mutterkreuzverleihungen glich einer militärischen Auszeichnung: Während die Männer* für ihre besonderen Dienste an der Front mit dem Eisernen Kreuz geehrt wurden, wurden Mütter für ihre Leistungen an der „Geburtenfront“ ausgezeichnet. Als Mutterkreuzträgerinnen genossen Frauen* dann nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch institutionalisierte Privilegien.
Die Bestimmung von Weiblichkeit und Frau*-Sein im Nationalsozialismus erfolgte also ausschließlich über Mutterschaft. Wer keine Mutter war, war keine Frau* und wurde so als nutzlos für die deutsche Volksgemeinschaft erklärt.

Und heute?

Die  Gebärfähigkeit der Frau* ist bis heute die Voraussetzung für ein (gutes) Mutter- und Frau*-Sein. Und das, obwohl wir uns in einer Zeit befinden, in der es längst verbreitet ist, Kinder zu adoptieren, in Pflege zu nehmen oder durch Insemination Kinder zu bekommen. Warum gelten dann eigentlich diejenigen Frauen* und Männer* (immer noch) als defizitär, die in ihrer „natürlichen“ Gebär-bzw. Zeugungsfähigkeit eingeschränkt sind? Und warum werden Frauen* (weiterhin) diffamiert, die sich für ein kinderloses Leben entscheiden?

 

ghh

 

* Die Sternchen im Text kennzeichnen, dass es sich um Identitäten handelt, die unklare Ränder haben, nicht natürlich und nicht mit sich selbst identisch sind.

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Ein Gedanke zu „Mutter*tag

    Hontalan Janka sagte:
    9. Juni 2017 um 14:27

    Selten so einen Luxusschwachsinn gelesen. Die linke Frauenbewegung scheint sich satt, verengt, egosüchtig und unterfordert derart in sich selbst verkrümmt zu haben, dass sie die Faschos von rechts überholt. Insemination, Leihmutterschaft, Trennung von Partnerschaft und Elternschaft, Menschenzucht komplett losgelöst von biologischen und gesellschaftlich gewachsenen Formen der Zugehörigkeit und Bindung – das waren Hitlers feuchte Träume, Mädels! Ihr solltet echt in Euch gehen, sonst überholt ihr den rechten Sumpf noch von Rechts, ohne es zu merken.

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