Über uns

fantifa.frankfurt

∙ queer ∙ pervers ∙ arbeitsscheu∙

Der nachfolgende Text stellt eine Zusammenfassung unseres fortlaufenden Diskussionsprozesses der letzten Jahre dar. Anspruch auf Konsistenz oder Abgeschlossenheit erhebt er nicht – vielmehr möchten wir darin einige, uns wichtige, Positionen wiedergeben. Diese sind Ergebnisse unserer gesellschaftlichen Analyse, Ausgangspunkte unserer Organisierungsform und Inhalte unserer queerfeministischen, antifaschistischen Politik. Für uns ist es ein Teil queerer Interventionen, Haltungen darzustellen, die nicht fest und unveränderlich, sondern vielmehr offen, teilweise vielleicht widersprüchlich und wandelbar sind – ebenso, wie die Gesellschaft auch. Wir erheben daher an diesen Text nicht die Anforderung der Abgeschlossen- oder Vollständigkeit. Unser Selbstverständnis folgt daher immer den sich wandelnden konkreten historisch-materiellen Bedingungen.

Fantifa

Aus den globalen faschistischen Kontinuitäten und den gleichzeitigen Reaktivierungen und Neuerungen faschistischer Politik, sowie der spezifisch deutschen Geschichte, ergibt sich für uns die Notwendigkeit antifaschistischer Positionierung und Organisierung. Besonders die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre, eine immer größer werdende reaktionäre Mobilmachung von rechts und die zunehmende Salonfähigkeit extrem rechter Positionen (u.a. innerhalb der sogenannten bürgerlichen Mitte), zeigen uns diese Notwendigkeit besonders aktuell. Ausgangspunkt unserer Gesellschaftskritik und Organisierungsform stellt die Untrennbarkeit von Queerfeminismus und Antifaschismus dar.

Unser Name fantifa bezieht sich auf feministische Antifa-Gruppen, welche sich in den 1980er und 1990er Jahren in Deutschland unter dem Namen Fantifa als Frauengruppen/ Frauen-Lesbengruppen organisierten, um feministische Perspektiven und Praxen in antifaschistischer Politik zu entwickeln. Diese kritisierten einerseits sexistisches, männlich-dominantes und mackriges Verhalten, sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung  innerhalb der bestehenden Antifa-Szene. Andererseits formulierten sie eine Kritik an mangelnder Betrachtung der Rolle von Frauen im NS, aber auch in gegenwärtigen rechten Strukturen (für eine ausführliche Betrachtung der Geschichte von Fantifa siehe Herausgeber_innenkollektiv: Fantifa. Feministische Perspektiven antifaschistischer Politiken).

Wir teilen die Analyse der früheren Fantifa-Gruppen bezüglich der asymmetrischen Geschlechtervehältnisse innerhalb der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft, aber auch der radikalen linken Szene, und schließen daran an. Auch die Auseinandersetzung mit Faschismus und rechten Ideologien braucht notwendig eine Auseinandersetzung mit darin enthaltenen Geschlechtervorstellungen. Geschlecht ist ein konstitutives Moment des bürgerlichen Kapitalismus, der auch Faschismus hervorbringt. Bezieht eine radikale Linke diese Überlegungen nicht mit ein, müssen Faschismusmuskritik – und in der Konsequenz auch antifaschistische Arbeit – unvollständig bleiben und scheitern. Im Anschluss an die Kritik der früheren Fantifas halten wir es auch heute für unabdingbar, die spezifische Position, Funktion und Rolle von Frauen* im Faschismus/in rechten Strukturen zu begreifen; sowohl in gegenwärtigen als auch im NS.

Mit und über die Kritik der alten Fantifa-Strukturen hinaus, dass eine radikale Linke, die sich nicht mit den Geschlechterverhältnissen als konstitutives Moment des falschen Ganzen befasst, weder radikal noch links ist, ergibt sich für uns auch weiterhin die Notwendigkeit, die linksradikale Szene, in der wir uns verorten, zu kritisieren. Denn noch immer wird in dieser Sexismus selten oder gar nicht thematisiert, Geschlecht scheint keine oder nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Auch radikale linke Praxis stellt in ihrer Strukturierung keine Ausnahme des gesellschaftlichen Ganzen dar und die eigenen Verstrickungen in Herrschaftsverhältnisse werden selten oder nicht reflektiert. Wir sagen damit nicht, dass es innerhalb der radikalen Linken keine Auseinandersetzung mit Feminismus gibt, sondern dass Selbstreflexion häufig zu kurz kommt und Feminismus ein Lippenbekenntnis bleibt. Sich an einer (queer)feministischen Praxis auszurichten muss auch bedeuten, zu hinterfragen, wie stark wir alle in unserem alltäglichen Verhalten (z.B. auf Partys, Demos, Plena usw.) heteronormative und teilweise heterosexistische Stereotype und Verhaltensweisen (re)produzieren.

Wichtig erscheint uns in diesem Zusammenhang klarzustellen, dass wir uns nicht als Frauen*antifa verstehen, sondern als queerfeministische Antifa – antifaschistische Queerfeminist*innen. Aus unserer Perspektive bedeutet Frau*-sein – oder als solche gelesen zu werden – nicht gleich feministisch sein; der feministische Kampf ist kein Kampf allein von und für Frauen*. Es ist der Kampf gegen die patriarchale Unterdrückung, deren Erfahrung niemand gemacht haben muss, um das Patriarchat in Gänze abschaffen zu wollen. Dieser Kampf ist der Kampf aller. Dieses Verständnis ergibt sich aus unserer Überzeugung, dass eine binäre, heteronormative Geschlechterordnung – wie sie im Kapitalismus im Sinne einer Zwangsidentifizierung produziert wird – abgeschlossene Geschlechterkonzeptionen suggeriert, denen sich nicht alle – oder auch nur die wenigsten – zuordnen können oder wollen. Die Kategorie Frau* erachten wir trotzdem als weiterhin relevanten Bezugspunkt. Einerseits hinsichtlich der Geschichte der Frauen*bewegung, der Würdigung ihrer Errungenschaften und in Anschluss an materialistische und proletarische Feminismen. Andererseits auch bezüglich der weiterhin bestehenden Funktion der (zwangsweise subjektivierten) Kategorie Frau* in den Verhältnissen, in denen wir leben. Alle, die mit dieser Kategorie leben (müssen), sind weiterhin auch Ziel und Objekt von Unterdrückung, woraus sich für uns noch immer eine Relevanz dieses Bezugspunktes ergibt.

queer

 …ist der Kampf gegen jede Form von Biologisierung und Naturalisierung von Geschlecht. Geschlecht ist Ausdruck der (Re)Produktion von Herrschaftsverhältnissen, sowie konstituierend für ebendieses

…ist eine Praxis, die sich aus dem Kampf gegen das kapitalistische Produktionsverhältnis ergibt. Wenn es um die Veränderung binärer Geschlechterverhältnisse geht, heißt dies, dasjenige Produktionsverhältnis zu zerstören, welches uns zu heteronormativen Männern und Frauen produziert

…bedeutet den Aufbruch der Vorstellung, dass Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren eine normativ zusammenpassende Einheit darstellen würden, müssten oder überhaupt könnten

…beinhaltet die Sichtbarmachung des Zwangs, dem alle Menschen unterliegen (wenn auch in unterschiedlich erlebter Ausprägung), ein „entschiedenes“, abgeschlossenes, unwandelbares Geschlecht sein zu müssen. Dagegen gilt es für uns, die Möglichkeit der Unentschiedenheit der Geschlechtsidentität, dem Begehren und sex zu setzen. Daraus ergibt sich der Kampf für die Möglichkeit, sich nicht entscheiden zu müssen. Gleichzeitiger erkennen wir an, dass (geschlechtliche) Entschiedenheiten auch wichtig sein können

…heißt Widersprüche offenlegen: das betrifft gesellschaftliche Widersprüche, aber auch unsere eigenen Antworten und Kampfformen auf die falschen Verhältnisse

…heißt Ambivalenzen und Unentschiedenheiten offenzulegen, auszuhalten und nutzbar zu machen. Auch hier beziehen wir uns nicht nur auf solche, die die gesellschaftlichen Verhältnisse betreffen, sondern auch auf unsere eigene, queere Praxis

…resultiert darin, die Dekonstruktion der heterosexuellen Matrix praktisch zu machen: für uns bedeutet queere Politik für Fluiditäten und für die Möglichkeit der Uneindeutigkeit in unserem bewussten Handeln, Sprechen und Denken zu entscheiden. Eine queerfeministische Gruppe zu sein, bedeutet für uns, verschiedene Thematiken vor allem in ihrer Verwobenheit zu denken. Das heißt für uns konkret: Antisemitismus, Faschismus und Rassismus lassen sich nur verstehen und bestenfalls effektiv bekämpfen, queerfeministisch gedacht werden

Intersektionalität und Identitätspolitik

Ein Großteil der queerfeministischen Szene bestimmt seine Praxis heute intersektional. Auch wir gehen davon aus, dass spezifische Unterdrückungen nur in und durch ihren gesamt-gesellschaftlichen Unterdrückungszusammenhang erfasst und bekämpft werden können. Wir verstehen Kategorien (race, class, gender, desire, ableism, etc.) dabei aber nicht als sich überschneidend (intersectional), sondern als miteinander verbunden. Sie bedingen einander und sind voneinander abhängig, dementsprechend sind sie interdependent. Wie sie miteinander verwoben sind, hängt immer von den konkret historisch-materiellen Standpunkten ab, kann demnach nicht ohne einen solchen Bezug bestimmt werden.

Dass Feminismus nie nur eindimensional gedacht werden kann, haben einerseits Schwarze Feministinnen* wie Sojourner Truth, Angela Davis oder Cimberley Crenshaw in Bezug auf Rassismus und seinen Zusammenhang mit Geschlechterfragen aufgezeigt und andererseits marxistische Feministinnen* wie Alexandra Kollontai und Clara Zetkin, die die sogenannte Frauen- und Geschlechterfrage als immanente Klassenfrage thematisierten. Kategorien wie race, class oder gender sind Konstruktionsprozesse und nicht gesetzt oder gegeben. Uns ist dabei wichtig, die jeweiligen Kategorien als durch eine rassistische, kapitalistische, antisemitische, sexistische und heteronormative Gesellschaftsstruktur produzierte zu verstehen. Identität verstehen wir also nicht essentialistisch, sondern als einen materialisierenden Konstruktionsprozess. Das heißt nicht, dass es keine Materie gibt, sondern dass sie ein Prozess der Produktion ist, der weder einen Anfang noch ein festes Ende hat und immer wieder neu hervorgebracht werden muss: Körper sind veränderbar, ihre materielle Bedeutung (matters) ist je nach historisch konkreten Zeiten verschieden. Welche Körper als wertvoll und lebenswert erachtet werden ist stets umkämpft. Dies zeigt sich gegenwärtig an Beispielen von struktureller Gewalt und Ausschlüssen von nicht der Hegemonie entsprechenden Körpern bis hin zu offener Feindschaft, konkreter körperlicher Gewalt oder bewusster Auslöschung von Leben. Die extreme Materialität von Rassifizierungsprozessen zeigt sich beispielsweise an rassistischer Polizeigewalt. Ein gegenwärtiges Beispiel dafür sind die rassistischen Gewaltakte in den USA, als dessen Reaktion sich die Black Lives Matter Bewegung gründete, die explizit gegen rassistische Polizeigewalt und Morde durch die Polizei kämpft.

Wir lehnen Politiken, die Inhalte und politische Kompetenzen qua Betroffenheit oder vermeintlicher (kultureller, religiöser, indentitärer usw.) Zugehörigkeit zuweisen, ab. Für uns resultiert aus einer Betrachtung der Verwobenheit und Abhängigkeit verschiedener gesellschaftlicher Strukturen eine solidarische Politik, unabhängig von Form und Grad der Betroffenheit. Wir machen keine Politik, die auf die Anerkennung und Zementierung von normativen und starren Identitäten zielt. Wir sind für die (Zer-)Störung einer normativen Identitätslogik, die sich an Hegemonien ausrichtet und Identitäten als starr, abgeschlossen und unveränderbar versteht. Hierbei wollen wir jedoch Repräsentationspolitiken, die sich als einen „strategischen Essentialismus“ begreifen, unter den gegebenen Verhältnissen nicht die Legitimität absprechen, denn sie können wichtig sein, um Diskurse zunächst zu öffnen und zu erweitern. In letzter Konsequenz geht es uns jedoch darum, die der zugrunde liegende Struktur, die Subjekte erst sichtbar (oder unsichtbar) macht, anzugreifen und zu verändern. Es geht uns also darum, die Logik des Repräsentationsregimes zu (zer-)stören, die uns in Kategorien zwingt und die uns Namen gibt, die wir nicht tragen wollen. Dies hängt auch mit unserem Verständnis von queer zusammen, denn anders als Sammelbegriff für verschiedene Geschlechter- oder Begehrensformen verstehen wir queer als ein Aufbrechen und Ver-undeutigen dieser Kategorien:

 „Oft und zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass der Kampf um Anerkennung nicht etwas ist, das man in toto aufgeben könnte, ohne das Projekt einer anti-homophoben [anti-rassistischen, anti-kapitalistischen und anti-sexistischen] Politik überhaupt aufzugeben. Es kann daher nicht um die Verabschiedung der Repräsentationspolitik gehen, sondern vielmehr darum, ein angemessen reflexives oder strategisches Verhältnis zu den präsentierten Identitäten zu entwickeln. Eine solche reflexive Haltung wird jedoch nur vor dem Hintergrund eines Selbstverständnisses möglich, das queeres Leben als etwas zu denken erlaubt, dessen Wirklichkeit nicht in jenen strategisch eingesetzten Identitätspolitischen Namen aufgeht.“ (Outside. Die Politik queerer Räume)

Antisemitismus, Antizionismus und Queerfeminismus

Antisemitische Übergriffe, strukturelle und materielle Gewalt sowie Hetze und HateSpeech gegen Jüd*innen, haben in den letzten Jahren zugenommen.[1] Zugleich stellen sie eine deutsche Tradition dar, für die sich zum einen fast das gesamte deutsche Volk – nicht einige wenige tyrannische Männer – in den 1930er Jahren entschied und zum anderen nach 1945 kaum wirkliche Veränderungen in der antisemitischen Grundstruktur der deutschen Gesellschaft vorgenommen wurden. Heute pflegt man in Deutschland eine Gedenkkultur, die vorgibt, die Shoah überwunden zu haben und macht darin unsichtbar, wie lebendig sie für diejenigen, die immer noch und immer wieder wegen ihres Jüdisch-Seins angefeindet werden, gerade deswegen ist bzw. sein muss.
Der Kampf gegen Antisemitismus stellt innerhalb der radikalen Linken oft eine Leerstelle dar. Offene oder strukturelle Jüd*innen-Feindschaft und Vernichtungswünsche gegenüber Israel in linksradikalen Kämpfen, scheinen oft verschwiegen zu werden. Dieses Schweigen mag an einer – innerhalb der radikalen Linken – immer noch umkämpften Position zu Israel, dem sogenannten Nahostkonflikt und einem falsch verstandenen – oft verschwörungsideologisch hervorgebrachten – Antiimperialismus liegen, der die linksradikale Szene (West)Deutschlands in den letzten Jahrzehnten spaltete. Dies ist für uns unverständlich, sollte die deutsche Geschichte doch Grund genug sein, eine antisemitische Tradition zu bekämpfen.
Besonders innerhalb der letzten Jahre häufen sich international, gerade in queer-feministischen Kämpfen antisemitische Ereignisse, die uns überraschen. Es überrascht uns, denn Queerfeminismus und der Kampf gegen Antisemitismus stellen für uns beide emanzipatorische Projekte dar. Geteiltes Ziel ist die Abschaffung der Volksgemeinschaft als Staats,- Körper,- und Begehren formierendes Prinzip. Queerfeminismus und der Kampf gegen Antisemitismus teilen für uns außerdem eine Körper- und Subjektpraxis die sich gegen Blut und Boden (deutscher) Tradition richtet. Ein antisemitischer Topos, der aktuell in der sog. „Israelkritik“ eine Renaissance erfährt, ist der Vorwurf, Jüd*innen seien Menschen ohne „richtige“ Herkunft; ihr Staat sei „künstlich“ und nicht „organisch“ gewachsen. Der Kampf gegen die Idee des „einen“, „echten“, „biologischen“ oder sogar „ethnischen“ Ursprungs hingegen ist ein queerer Kampf, der sich gegen die deutsche Tradition des kapitalistischen Vernichtungsantisemitismus richtet. In diesem Zusammenhang scheinen Jüd*innen als „wurzellose“ Menschen ohne festen Ursprung“ nicht in normativen Identitätskategorien der Herkunft, des Ursprungs usw. aufzugehen. Aus queerer Perspektive gilt es genau das – das Nichtidentische der „eigenen“ Identität – zu verteidigen.

Für uns kann es also theoretisch keinen queerfeministischen Antisemitismus und Antizionismus geben. Praktisch sehen wir uns aber damit konfrontiert, dass es bei queeren Gruppen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen immer wieder zu Entsolidarisierungen und Anfeindungen von israelischen LGBTQI-Aktivist*innen oder Menschen, die offen als Jüd*innen leben, kommt.[2] So gibt es bspw. eine auffällige Schnittmenge zwischen BDS Unterstützer*innen und queeren Aktivist*innen.[3] Gleichzeitig gibt es aktuell vermehrt queere Theorien, die Antisemitismus und Antizionismus theoretisch einzubetten suchen.[4] Warum ist Antisemitismus in weiten Teilen der queeren Szene scheinbar kein Problem oder gar geduldet, während der Kampf gegen andere Formen der Unterdrückung mit Vehemenz verteidigt wird?  Bei dieser Frage kommen wir nicht umhin herauszustellen, dass Antisemitismus anders funktioniert, als andere Formen von Unterdrückung. Innerhalb einiger der in queeren Kreisen populärersten intersektionalen Ansätze, ist Antisemitismus in seiner Spezifizität aber abwesend. Er fungiert allenfalls als eine Spielart des Rassismus. Durch das Nicht-Benennen von Antisemitismus als besondere Sektion, wird auch das Jüdisch-Sein als eine umkämpfte Subjektivität oder ein bedrohter Körper innerhalb der hegemonialen queerfeministischen Debatten unsichtbar gemacht. Ein dabei oft hervorgebrachtes Argument lautet, dass jüdische Identitäten einfach in der weißen Hegemonie aufgingen. Als könnten Jüd*innen in westlichen Gesellschaften recht frei von Unterdrückung und Feindschaft leben. Dabei wird unterstellt, sie genössen ungebrochen alle Privilegien einer weißen, patriarchalen, bürgerlichen Gesellschaft. Hierbei wird geradezu das antisemitische Klischee der „reich und unsichtbar unter uns“ lebenden Jüd*innen aufgegriffen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gerade die spezifische gegen Jüd*innen gerichteten (strukturellen, theoretischen und praktischen) Angriffe, an denen eben teilweise auch vermehrt Queers teilnehmen, zeigen, dass Jüd*innen weder unsichtbar noch Teil der Hegemonie, sondern permanent bedroht sind. Das Unsichtbarmachen und Nichtsehenwollen der antisemitischen Bedrohung weltweit, scheint einer der Gründe zu sein, ein Existenzentrecht Israels leichtfertig infrage stellen zu können; obwohl neben Israel weltweit kein Schutzraum für Jüd*innen existiert. Während beispielsweise von einer „Uganda-“ oder „Tschetschenienkritik“ in weiten Teilen der queeren Community nichts zu hören ist, wird auf einer legitimen „Israelkritik“ beharrt. Teilweise wird davon ausgegangen, dass die Vernichtung des jüdischen Staates auch Homofeindschaft und Sexismus abschaffen würde.[5] An Israel werden doppelte Standards angelegt. Antizionismus richtet sich immer gegen die gesamte israelische Gesellschaft und alle, die mit dieser assoziiert werden. Die Unterschiedslosigkeit, mit der dabei über „Israel“ bzw. „die Juden“ geredet wird, nimmt die Unterschiedslosigkeit eines Wunsches nach der Vernichtung aller Jüd*innen vorweg. Das Judentum gilt so einzig und allein als Antithese der sich verbunden glaubenden Gemeinschaft der Antisemit*innen. Die Shoah als realer Ausdruck eines so entstehenden Vernichtungswunsches erhält hierdurch ebenfalls einen widersprüchlichen Doppelstatus. Denn die Shoa ist heute tatsächlich eine reale verbindende Erfahrung des modernen Judentums, die aber durch den Wunsch einer Herstellung von Gemeinschaft gegen das Judentum gestiftet wurde. So schreibt Jean Améry:

„Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer; die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft. Sie ist auch verbindlicher als Grundformel jüdischer Existenz. Wenn ich mir und der Welt, einschließlich der religiösen und nationalgesinnten Juden, die mich nicht als einen der Ihren ansehen, sage: ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitznummer zusammengefaßten Wirklichkeiten und Möglichkeiten.“

Was es (für Améry) nach 1945 bedeutet, Jüd*in zu sein, sei maßgeblich bestimmt durch diese historische Wirklichkeit und Möglichkeit. Die Shoah – die historische Unternehmung der Deutschen, das Judentum über alle Unterschiede und jedes Selbstverhältnis der darunter gefassten Personen hinaus, in Vernichtung zu vereinen – war die Voraussetzung der Gründung Israels.

Wir möchten hierbei anmerken, dass ein wesentlicher Einsatzpunkt queerer Praxis war, gegen Homogenisierung, Zwangsidentifizierungen und den Ausschluss aus vermeintlich emanzipatorischen Bewegungen qua fremdbestimmter Identität vorzugehen. Gegen die Identitäslogik des Bürgertums kämpften etwa während der riots 1969 auf der Christopher Street vor allem queers, Dragkings &-queens, Transpersonen, People of Color, Sexarbeiter*innen und HIV Positive Menschen für die Macht der Selbstbezeichnung und damit gegen Zwangssubjektivierung als Andere.

Wie kann also heute eine sich als queer bezeichnende Szene den Umstand, dass Antisemit*innen Jüd*innen immer über ihre Körper als Jüd*innen zwangssubjektivieren, außer Acht lassen? Daher fragen wir uns, warum es einer sich als queer und linksradikal bezeichnenden Szene nicht vor allem um den Kampf gegen den Kapitalismus als hetorosexistischen Produktionsapparat geht, sondern sie stattdessen einen der Hauptfeinde in Israel und den Jüd*innen sieht?

Durch die systematische und totalitäre Vernichtung der Jüd*innen wurde deutlich, was es bedeutet, im Besitz der Produktionsmittel zu sein (oder eben nicht) und damit über die Regulation von Leben und Tod, Körper und Sexualität usw. zu verfügen. Der queerfeministischen und radikalen Linken sollte es darum gehen, für die Möglichkeit der Existenz verschiedener Körper und Identitäten zu kämpfen. Dieser Kampf sollte die Zerstörung der heteronormativen Logik des Kapitals zum Ziel haben – nicht aber die Vernichtung des israelischen Staates. Ein queerfeministischer Kampf gegen Antisemitismus muss einer sein, der für eine Gesellschaft eintritt, in der es möglich ist, „ohne Angst verschieden zu sein“ (T.W. Adorno).

Antikapitalismus

Angesichts der gegenwärtigen und historischen Ausformungen extrem rechter und darin einiger sich als antikapitalistisch verstehender Bewegungen, ist es besonders dringlich, eine radikal differenzierte Analyse des Kapitalismus zu erarbeiten. Eine Analyse, die sich einerseits verpflichtet fühlt, eine strukturelle Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu leisten und andererseits auf eine tatsächliche Verwirklichung der Befreiung abzielt, die jedoch nicht versucht, bestehende Widersprüche einfach zu harmonisieren, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Widersprüche hervorbringen, zu revolutionieren. Dies heißt für uns, die antisemitische Unterscheidung zwischen raffendem und schaffendem Kapital, die sich in einigen rechten Kreisen als Antikapitalismus ausgibt, vehement abzulehnen. Diese unterscheidet die vermeintlich ehrliche deutsche, produktive Arbeit von der vermeintlich unehrlichen, jüdischen Nicht-Arbeit. Jede Position, die Arbeit in gute und/oder schlechte Arbeit als volksstiftendes Prinzip unterteilt und sich darin auch noch antikapitalistisch bestimmt, erhält dabei jedoch dasjenige kapitalistische Prinzip der Arbeit, welches es zu zerstören gilt.

Die restlose Abschaffung von (Hetereo-)Sexismus, Rassismus und Antisemitismus ist für uns daher an die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise gebunden. Denn die kapitalistische Produktionsweise strukturiert unseren Lebensalltag und unserer Denk- und Gefühlsmuster – unsere Subjektivität. Kapitalismuskritik bedeutet für uns also nicht bloß eine partikulare Kritik an „ökonomischen Verhältnissen“, sondern eine umfassende Gesellschaftskritik. Daher liegt uns ein Denken fern, welches davon ausgeht, man könne gesellschaftliche Problemstellungen allein durch die Überwindung des sogenannten (Haupt-)Widerspruchs zwischen Kapital und Lohnarbeit beseitigen. Zum einen bleibt in einer solchen Vorstellung die Funktionsweise des Produktionsprozesses des Kapitals mindestens um seine geschlechtliche und rassistisch-kolonialistische Dimension verkürzt.[6] Zum anderen verliert ein Denken in Haupt- und Nebenwidersprüchen die Eigenlogiken und historische Komplexität von Unterdrückungsverhältnissen, die nicht in diesem „Hauptwiderspruch“ aufgehen, aus dem Blick. Daraus resultiert oftmals eine Hierarchisierung und Delegitmierung politischer Praxen, die sich anderen Kampffeldern, die scheinbar außerhalb des „Hauptwiderspruchs“ liegen, verpflichtet haben. Die Totalität der Verhältnisse aber muss von allen Seiten aus angegriffen werden, wenn wir in einer befreiten Gesellschaft leben wollen. Dennoch oder gerade deshalb bedarf es einer politischen Praxis, die eine Perspektive auf universale Befreiung enthält und die trotz einer manchmal notwendigen, politisch-praktischen Zentrierung auf einzelne Unterdrückungsverhältnisse an dieser festhält.[7] Zuletzt auch um der kapitalistischen Produktion von Vereinzelung und Individuation, die solidarische Kämpfe und Visionen zu verunmöglichen versucht, entgegen zu treten. Die Möglichkeit eines herrschaftsfreien Zustandes besteht. Deswegen geht es uns weniger um die Frage nach einer utopistischen Konstruktion einer neuen, anderen Welt als um eine Praxis der Dekonstruktion im Sinne einer negativen Aufhebung des Bestehenden:

„Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welchen den jetzigen Zustand aufhebt“ (Karl Marx).

Die Identität (das Zusammendenken) von „Haupt- und Nebenwiderspruch“ scheint in der radikalen Linken mittlerweile eine weit verbreitete Praxis zu sein. Doch was heißt es nun konkret, wenn wir als queerfeministische Antifagruppe nicht bei einem eindimensionalen Queerfeminismus und einer verkürzten Auslegung marxistischer Theorie stehen bleiben wollen? Wir sagen: Die Produktionsweisen von Kapital und die damit einhergehenden Unterdrückungsverhältnisse lassen sich nur dann verstehen und zerstören, wenn man erkennt, dass auch Geschlecht, Begehren und Identität gesellschaftlich produziert werden, sie konstitutiver Bestandteilteil der kapitalistischen Produktionsweise sind. Das heißt, die sozialistische Aneignung von bedürfnisbefriedigenden Produktionsmitteln muss auch die Aneignung der Produktionsmittel von gender beinhalten. Erst dann kann sich die Vision eines queeren Kommunismus realisieren lassen, in dem die Trennung zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre nicht mehr existiert und es möglich wird „nachmittags den Haushalt zu machen, abends zu verreisen, nach dem Essen zu handwerken oder zu cruisen und morgens zu schlafen, ohne je Frau, Migrantin, Lesbe, Schwuler […] zu werden“ (Bini Adamczak).

fantifa.frankfurt
01/2018

[1] Einige schienen überrascht, als 2014 Monika Schwarz-Friesels Studie zu Antisemitismus in der bürgerlichen Klasse der sogenannten Mitte erschien: Besonders hier schien der Antisemitismus angestiegen zu sein, was aber auch ein Phänomen für die „erfolgreiche“ Verdrängungspraxis der deutschen Gesellschaft sein kann, die es noch geschafft hat, Antisemitismus nach 1945 als ein Problem einiger weniger Dorfnazis darzustellen.

[2] Bespiele für Anfeindungen gegenüber jüdischen Queers sind der Angriff auf eine Person, die das Shirt „Proud jewish dyke“ trug und der auf mehrere Personen mit einer Regebogenfahne samt Davidstern  auf einer Demonstration in Chicago 2017, die internationale Pink-Washing-Israel Bewegung oder der Angriff hunderter Queers auf einige jüdische Queers bei einer Tagung 2016 in Chicago der queeren jüdischen Oraganisation A Wider Brigde, einer der größten israelischen Organisationen für LGBTQI*s, die sich u.a. auch gegen Homofeinschaft in ultra-orthodoxen israelischen Communities einsetzen.

[3] Zu den prominentesten (queer)feministischen BDS Befürworter*innen gehören u.a. Judith Butler, Angela Davis (sie vertritt u.a. die These, Israel sei ein Apartheidsstaat, den sie mit der südafrikanischen Apartheid vergleicht und die rassistischen kolonialen Praktiken letzterer somit relativiert: „So now we’re confronted with the task of assisting our sisters and brothers in Palestine, as they battle against Israeli apartheid. Their struggles have many similarities with those against South African apartheid.” und Laurie Penny (sie hält die BDS-Parole „Kauft nicht bei Juden“ nicht für antisemitisch: https://www.facebook.com/lauriepenny/posts/541720199343009.)

[4] Bsp. Jasbir Puar, die in ihrem Buch Terrorist Assemblages. Homonationalisms in Queer Times (2007) islamistische Selbstmordattentate als queere Körperpraxis beschreibt (queer Jihad), ausschließlich Israel Homonationalismus und Pinkwashing unterstellt.

[5] So schreibt bspw. die palästinensische LGBTQ-Gruppe al-Qaws (deren Arbeitsräume sich auf israelischen Gebiet befinden, weil sie auf palästinensischem keinen Raum für ihre queere Praxis bekamen): „Wir glauben, dass durch eine Beendigung der israelischen Besatzung mehr Raum entsteht für den Kampf gegen Homophobie und andere gesellschaftliche Probleme.“ https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Standpunkte/Standpunkte_international/RLS_PAL_newsletter_07_10.pdf.

[6] In Bezug auf das Geschlechterverhältnis lässt sich beispielsweise deshalb nicht von einem Nebenwiderspruch sprechen, weil die geschlechtsspezifische Trennung in entlohnte Produktionssphäre („männlich*“) und unbezahlte Reproduktionssphäre („weiblich*“) ein notwendig funktionales Organisationprinzip für die Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses darstellt. Denn unbezahlte Reproduktionsarbeit geht notwendig in die Kapitalakkumulation mit ein, da ohne diese nicht eine vitale und leistungsfähige Arbeitskraft zur Verfügung stehen würde. Tätigkeiten wie Kindergebären, den Haushalt organisieren, oder Fürsorge leisten sind es, die dieser scheinbar unproduktiven Sphäre zugeschrieben werden. Es braucht nicht viel Mühe, um zu sehen, dass es sich dabei sehr wohl um produktive Tätigkeiten handelt. Die Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre ist daher selbst eine kapitalistische Konstruktion, die es zu überwinden gilt. Wenn wir hier also von Produktion sprechen meinen wir immer auch das, was gemeinhin unter Reproduktion verstanden wird.

[7] Feministischer Kampftag ist daher Klassenkampftag (worauf die historische Entstehung des Tages selbst verweist) sowie antikolonialer, antirasstischer und queerer Kampftag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s