Redebeiträge

Blame the System, not the Victim!

Redebeitrag anlässlich der Kundgebung gegen sexuelle Belästigung, Sexismus und Ausnutzung von Machtgefällen am 17. Januar 2018 (Goethe Uni Frankfurt/Main)

Wenn sexistische Übergriffe oder sexualisierte Gewalt öffentlich werden, folgt häufig ein öffentlicher Schock, verbunden mit einem großen Aufschrei. Auch in den letzten Jahren, Monaten und Wochen – im Zuge der #metoo Kampagne oder aber auch auf dem Campus – schien die Öffentlichkeit von der Drastik und Gewaltförmigkeit des herrschenden Sexismus‘ überrascht.

Auch wir finden es immer wieder grausam, wenn Frauen* oder Menschen generell sexualisierte Gewalt erfahren – zugleich sind wir aber auch schockiert davon, dass solche Übergriffe überraschen.

Wir wollen solche Aufschreie im Zusammenhang mit einzelnen Vorfällen nicht delegitimieren, aber zugleich wollen wir die Vorfälle auch nicht singularisieren. Das heißt: nicht so tun, als wäre es nicht alltäglich, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt omnipräsent sind.

Mit der Ausbreitung der Gender Studies, der Relevanz und Wichtigkeit feministischer Seminare im Kontext der Universität scheinen wir mit der These, dass Sexismus allgegenwärtig ist, hier eigentlich nicht allein zu sein.

Wie kann es also sein, dass das Öffentlichwerden eines sexualisierten Übergriffs an der Universität so überraschen kann? Glaubt etwa irgendjemand ernsthaft, das wäre eine Ausnahme, ein singuläres Ereignis? Befinden wir uns immer noch in einem Prozess, in dem sich Menschen scheinbar erst noch daran gewöhnen müssen, dass Frauen* aussprechen, was scheinbar alle wissen: dass sie täglich belästigt und übergriffig behandelt werden?

Als vereinzeltes Problem können singuläre sexistische Übergriffe nur dann Begriffen werden, wenn man nicht versteht, dass eine sexistische Struktur dahinter steht, die diese möglich macht.

Patriarchale Strukturen bringen Machtasymmetrien hervor und ermöglichen diese. Das bedeutet, dass es einem Dozenten, der seine Studentinnen übergriffig behandelt, möglich ist, dies zu tun, ohne Reaktionen, Sanktionen oder anderweitige Konsequenzen befürchten zu müssen. Sexualisierte Gewalt ist also vor allem auch eine Ausübung von Macht. Genau darin sollte sie auch angegriffen werden: Als widerlicher Missbrauch einer Machtposition.

Ein anderes Beispiel für konkreten Sexismus auf dem Campus sind die sogenannten Pick up Artists. Die selbsternannten „Verführungskünstler“ praktizieren ihre Ideologien über  das Flirtverhalten und die Psyche von Frauen mittels frauenverachtender und sexistischer Methoden  seit zwei-drei Jahren auch auf dem Campus. Ein prägnantes Beispiel für die Signifikanz und Omnipräsenz dieser Szene ist der von Asta Frankfurt geführte – und in letzter Instanz gewonnene – Prozess eines Pick up Artists der an der Uni Frankfurt Erziehungswissenschaften studiert. Interessanterweise hat die Uni – zwar auch erst nachdem sich eine Anti-Pickup-Initiative sowie das Autonome Frauen*Lesben-Referat dafür eingesetzt haben – mit einer gewissen Selbstverständlichkeit einen Senatsbeschluss gegen PUAs bzw. „gegen jede Form sexualisierter Diskriminierung und Belästigung“ (Zitat aus dem Beschluss) verabschiedet. Wenn es hingegen um einen ihrer eigenen Mitarbeiter geht, verfällt sie in schlechte Apologien und Relativierungen von sexistischer und sexualisierter Gewalt.

Indem aber alltägliche, sexistische Ereignisse – sei es an der Uni oder sonst wo – nicht bekämpft werden, tragen sie gleichzeitig auch zu einer Normalisierung von Sexismus bei. Das Gefühl, dass es „normal“ ist als Frau* unterwürfig behandelt zu werden, führt wiederum dazu, dass Übergriffe als singulär wahrgenommen werden, das Sprechen darüber unmöglich erscheint. Etwas alltäglich Erfahrenes wird dadurch unsichtbar und unsagbar.

In den spezifischen – teilweise feudalen – Machtverhältnissen an der Uni haben Studierende zudem weitere Konsequenzen zu befürchten: Werde ich schlechter bewertet? Finde ich noch eine Betreuung für meine Abschlussarbeit? Und so weiter…

Traut sich unter diesen Voraussetzungen jemand auszusprechen, was vielen widerfährt und viele täglich (mit)erleben, erscheint es als eine singuläre, paradoxe Beichte der Betroffenen und nicht als Bericht dessen, was tragischerweise alltäglich ist.

Dass es überhaupt möglich ist Macht sexualisiert auszuüben, kann demnach nur strukturell verstanden werden. Denn in einem Machtverhältnis zu leben, heißt noch nicht automatisch, dass dieses geschlechtlich konnotiert ist oder sexualisiert werden kann. Dies ist nur möglich wenn die geschlechtliche Konnotation von Machstrukturen permanent produziert beziehungsweise reproduziert wird.

Was kann es also bedeuten, wenn wir nicht im Schockzustand des Aufschreies verharren wollen?

Eine moralische Lösung beziehungsweise eine Lösung mit sittlichen Einschränkungen ist keine Antwort auf das Problem, sie reproduziert viel eher das Bild des omnipotenten Triebtäters. Wir wollen keine neuen Sittenvorschriften (offene Türen, lange Kleidung, die berühmte „Armlänge Abstand“), die das Problem unsichtbar machen und in die Verantwortung der Betroffenen verschieben. Vielmehr wollen wir, dass alle diese Verhältnisse permanent kritisieren und sich einmischen. Es muss unmöglich werden, Sexismus ausüben zu können, nur weil man keine Reaktionen oder Sanktionen befürchten muss, weil es scheinbar „normal“ ist.

Zu einem Angriff auf die Normalität gehört immer auch ein Angriff auf sich selbst: Sexismus wird zum Problem von (potentiell) Betroffenen gemacht, ist aber das Problem aller. Die Auseinandersetzung mit und das eigene Involviertsein in sexistische Strukturen ist unabdingbar für den Kampf gegen Sexismus.

Der „eine Täter“, Dozent, „PuA“ ist kein Sonderfall einer ansonsten aufgeklärten Gesellschaft. Sie sind Ausdruck und Teil der Gesellschaft, denn schon allein die Möglichkeit dieses organisierten Sexismus‘ verweist auf eine ganz bestimmte gesellschaftliche Verfasstheit  –  Patriarchat  und  rape-culture  gehen  mit jeder Form institutionalisierter und normal gewordener sexualisierter Gewalt Hand in Hand.

Die sogenannte Schuld trägt nicht „nur“ der „eine Täter“/Dozent/PuA, verantwortlich für die Möglichkeit von Sexismus sind ebenso und ganz besonders auch all diejenigen, die…

… schweigen und wegschauen wenn Übergriffe passieren

… es ertragen und somit erlauben, wenn sexistische Scheiße im öffentlichen Raum ausgesprochen wird

… es hinnehmen, wenn in Feminismus/Gender Studies Seminaren gegen Antisexismus polemisiert wird

… es zulassen, wenn feministische Kritik delegitimiert wird

… Sexismus immer wieder verharmlosen

… Sexismus stets als ein Problem anderer abwehren.

In diesem Sinne: Blame the System, not the Victim!

(Januar 2018)

 

smash p.Geschlechtergrenzen überwinden – Deutschland abschaffen!

Rede zur Demo gegen die deutschen Einheitsfeierlichkeiten
am 2. & 3. Oktober 2015 (von: fantifa.frankfurt)

„Grenzen überwinden“. Unter diesem Motto lädt die Bundesregierung zum Volksfest der Nation ein – doch um welche und wessen Grenzen geht es eigentlich? Ist das Motto ein Aufruf, die wieder abgesicherte Landesaußengrenze zu überwinden? Ist es ein Aufruf, den tief verwurzelten deutschen Antisemitismus und Rassismus zu überwinden? Ist es ein Aufruf, traditionelle Familien- und Geschlechtermodelle zu überwinden oder gar die damit einhergehende kapitalistische Ökonomisierung der Körper zu durchbrechen?

Wohl kaum! Denn wie der Name schon sagt, geht es bei dieser Party um das Feiern der deutschen Nation und um die Stabilisierung eines einheitlichen deutschen, noch immer sogenannten „Volkskörpers“, zu dem vor allem die „Leistungsträger*innen“ zählen.

Wer zu diesem sogenannten „Volkskörper“ gehört, definiert Deutschland schon in der Ästhetik des Festes. Denn als ästhetisches Symbol der deutschen Einheitsnation hat die hessische Staatskanzlei sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Ottmar Hörl hat 1000 sogenannte Einheitsmännchen entworfen. Mit dem Kauf eines Einheitsmännchens, geht der Erlös an die Charity Organisation der Bild-Zeitung, „Ein Herz für Kinder“.[1] Als künstlerische Vision gibt das Ministerium frei nach Hörl an, „möglichst viele Menschen in einen kulturellen Diskurs miteinzubeziehen“[2] Doch was soll das für ein Diskurs sein, dessen Stimme die eines tausendfach reproduzierten, immer gleichen biologischen Mannes* ist? Und was soll das für eine Kultur sein, die ästhetisch von einem stereotypen Männlichkeitsbild repräsentiert wird? Der Mann* als Symbol für die Einheit wirkt wie der lächerliche Versuch, festzuzurren, was ins Wanken gerät: Die Einheit der Geschlechter, die die Reproduktion des deutschen Volkes sichern soll.
Ein anderes Einheitsmännchen und Repräsentant des Geisteszustandes der deutschen Mitte ist der Sänger Cro, der am Freitagabend zu Ehren Deutschlands auftritt. Auch er repräsentiert Deutschland so, wie es Deutschland verdient: Als Nation, in der Sexismus zum Normalzustand gehört und in der es die Mehrheit der Gesellschaft lustig findet, wenn er in seinem Song Easy „[…] nen Fick auf Frauen gibt“ oder diejenigen erschießen
(„erschEASY“) will, die ihn seiner männlichen Freiheit berauben wöllten. Gleichzeitig hegt Cro im Song Traum aber auch sehr deutsch-bürgerliche Besitzphantasien, wenn er sagt: „Ich glaub ich fänd es cool, wenn du mir gehörst“. Besitz darf selbstverständlich nur ihm als Mann und nicht seiner sogenannten Chick zu Teil werden. Neben Cro tritt auch die Sängerin Sarah Connor auf, von der wir uns zwar keine emanzipatorische Performance in Puncto queerer Geschlechtlichkeit gegen die Nation erhoffen, jedoch zumindest ihren Aufruf des „Brühens des Deutschen Vaterlandes“[3] unterstützen.

Darüber hinaus wird auf der Sportmeile des Festes praktisch normiert, wie der „gesunde“, „deutsche“ Körper auszusehen hat. Klar ist: Fit, gesund und leistungsbereit haben die Deutschen zu sein. Bei einem Fitness-Check für die gesamte Familie zeigen u.a. deutsche Sport-Promis „[…] was man tun kann, um fit zu werden oder zu bleiben“[4]. Dies alles vor dem „Deutschland bewegt sich“ Truck. Fragt sich nur, in welche Richtung?

Wie viel hat sich seit der rassistischen Verwendung der Nazis des Wortes „Volkkörper“ bis heute eigentlich verändert, wenn die deutsche Nation immer noch die Bevölkerung über ihre Körper kontrolliert?
Die politische Regulierung der Reproduktion und der ökonomische Zugriff auf Geschlecht und Körper ist heute Ausdruck einer Nation, die individuelle Körper zum verwertbaren Objekt des Kapitalismus gemacht hat. Fitness-Studios in Unternehmen und kostenlose Body-Mass-Index Tests der Krankenkassen sind nur zwei Beispiele dafür, wie Körper und Volk in Deutschland zusammenkommen.
Auch die derzeit debattierte Eröffnung der Ehe in Deutschland kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Diskriminierung von LGBTQI* Lebensformen immer noch rechtlich, aber auch in der Mitte der Gesellschaft, verankert ist. Denn so lange die stereotypen Konzepte von Mann* und Frau* die einzigen akzeptierten Lebensformen sind, zwischen welchen wir noch nicht einmal wählen können, bleibt Gleichberechtigung eine Farce.

Denn wie frei sind verschiedene Geschlechtsidentitäten in einem Land, dessen Nationalhymne allein die Brüderlichkeit des Vaterlandes besingt? Hier manifestiert sich das Einheitsmännchen als rationaler Staatsbürger, während die Frau* und andere Formen der Staatsbürgerschaft gar nicht erst vorkommen. Das Klischee des Mannes* als rationale und öffentliche Person im Gegensatz zur Frau* als emotionale und private Person findet in dem deutschen Ausspruch Mutter-Erde Vater-Land seine Bestimmung.
Wir scheißen auf das Vater-Land und wollen Körper auch nicht als fruchtbare Mutter-Erde verstanden wissen!

Auch wenn der deutsche Staat in Fragen der Geschlechterpolitik sicher im weltweiten Vergleich viele realpolitische, vermeintliche Fortschritte gemacht hat, was die sogenannte Gleichberechtigung von Frauen* und Männern* betrifft, täuscht dieser Schein nicht über bestehende patriarchale Machtverhältnisse und in den Köpfen und Händen existierende stereotype Geschlechterbilder hinweg. Gerade in Zeiten der deutschen Vormachtstellung in Europa und der maßgeblich durch Deutschland verursachten ökonomischen, politischen und sozialen Krise in anderen Ländern, erstarken reaktionäre und antifeministische Kräfte. In Deutschland sind darin weder randständig noch extrem, sondern bilden den deutschen Normalzustand ab. Seien das christliche Fundamentalist*innen, wirtschaftsliberale Konservative oder Autonome Nationalist*innen: Sie alle eint der Wunsch, über den Zugriff auf Körper den sogenannten „Volkskörper“ der deutschen Nation zu regulieren.

So lang‘ Produktivität und Leistungszwang herrschen,
so lang‘ Geflüchteten-Unterkünfte brennen,
so lang‘ der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus kriminalisiert wird,
so lang‘ Patriarchat, Staat und Kirche Sexualität und Liebe im Dienste der Nation regulieren, so lang‘ heißt es:

Auf zu neuen Taten, das Vaterland verraten.
Für den queeren Kommunismus und den antinationalen Widerstand!

[1] http://www.tag-der-deutschen-einheit.de/as-einheitsmaennchen-als-botschafter/.
[2] http://www.tag-der-deutschen-einheit.de/das-kunstprojekt/.
[3] http://www.spiegel.de/panorama/sarahs-nationalhymne-brueh-im-lichte-a-358515.html.
[4] http://www.tag-der-deutschen-einheit.de/content/uploads/2015/09/Programmheft_2015.pdf.

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